home-icon


Wertigkeit labordiagnostischer Untersuchungen

Becker, D; Vademecum Labordiagnostik, Volk und Gesundheit, Berlin 1987

Die labordiagnostische Untersuchung basiert auf drei grundsätzlichen Voraussetzungen:
  • der exakten und vollständigen Erhebung der Anamnese,
  • der gründlichen körperlichen Untersuchung sowie
  • der darauf fußenden sinnvollen Auswahl geeigneter Untersuchungsverfahren.
  • Die labordiagnostische Untersuchung beschränkt sich nicht auf den analytischen Prozess, zu ihr gehören vielmehr:
  • die angemessene Vorbereitung des Patienten,
  • die Beachtung aller Details während der Probengewinnung,
  • der Transport und die Aufbewahrung des Materials unter Berücksichtigung der Haltbarkeit des zu untersuchenden Stoffes bzw. der zu beurteilenden Zellen,
  • die exakte Messung der benötigten Parameter mit ausreichend empfindlichen und möglichst spezifischen Verfahren sowie
  • die richtige Interpretation der Messergebnisse.

  • Ziel labordiagnostischer Untersuchungen ist es, die jeweilige Fragestellung mit möglichst hoher Sicherheit zu beantworten. Eine abolute Sicherheit können Laborwerte allerdings ebenso wenig wie andere Krankheitssymptome geben. Ein über den Normalbereich erhöhter Wert bedeutet nicht "Sicher Krank", ein normales Ergebnis ebenso wenig "Sicher Gesund".
    Laborwerte informieren lediglich darüber, wie wahrscheinlich es ist, dass eine bestimmte Krankheit vorliegt oder nicht.
    Wie hoch diese Wahrscheinlichkeit im konkreten Fall ist, hängt von mehreren Faktoren ab. Diese sind:

    1. Analytische Qualität der Untersuchung
      Hierzu gehört die Einhaltung aller o.g. Schritte, die von der Patientenvorbereitung bis zur Erstellung des Laborbefundes notwendig sind.
      Entscheidende Bedeutung haben natürlich analytische Spezifität und Empfindlichkeit sowie die Präzision und Richtigkeit des verwendeten Untersuchungsverfahrens.
      Dieanalytische Spezifität ist ein Maß dafür, inwieweit das verwendete Verfahren nur die zu untersuchende Substanz erfasst bzw. in welcher Menge andere Substanzen miterfasst werden.
      Die analytische Empfindlichkeit ist ein Maß für die Größe des Messsignals bei definierter Konzentration der zu untersuchenden Substanz. Oder anders formuliert: ein Maß für die kleinste nachweisbare Konzentration.
      Die Abweichung der Messwerte untereinander an identischem Material ist bei Mehrfachmessungen ein Maß für die Präzision der Methode.
      Die Differenz eines Messwertes zum wahren Wert stellt das Maß für die Richtigkeit der verwendeten Untersuchungsmethode dar.


    2. Diagnostische Qualität der Untersuchung
      Diese wird durch die Wahrscheinlichkeit gekennzeichnet, mit der bestimmte Laborwerte nicht nur bei einer, sondern bei verschiedenen Erkrankungen und auch bei Gesunden vorkommen. Am einfachsten, allerdings auch recht unvollständig, wird dies durch die Wahrscheinlichkeiten "diagnostische Empfindlichkeit" und "diagnostische Spezifität" beschrieben.

    3. Beachte:
      Die Begriffe der analytischen und diagnostischen Qualität einer Untersuchung sind streng zu trennen!

    4. Wahrscheinlichkeit, mit der das Vorhandensein der Erkrankung vor Beginn der Untersuchung erwartet wird
      Dies bezeichnet man als die A-priori-Wahrscheinlichkeit. Im Falle einer Screening-Untersuchung wäre es die ⭢Prävalenz der Erkrankung
    Verschiedene labordiagnostische Untersuchungen erfassen bestimmte Erkrankungen auf unterschiedlichem Niveau, das sich zwischen zwei Extremen bewegt:
  • dem Laborwert, der lediglich den Wert eines Symptomes hat, und
  • demjenigen, der Ursache der Erkrankung offenlegt.

  • Beispiel Colonkarzinom

  • Feststellung einer hypochromen Anämie (unspezifisches Symptom)
  • Nachweis von okkultem Blut im Stuhl (auf die Ursache hinweisendes Symptom)
  • enoskopischer Karzinomnachweis (Feststellung der Ursache).
  • Dabei sei der enge Zusammenhang zwischen der Labordiagnostik, anderen paraklinisch untersuchenden Disziplinen und der klinischen Medizin im engeren Sinne betont. Dadurch wird gleichzeitig der Begriff "Labordiagnostik" relativiert. Denn eigentlich gibt es nur eine Diagnostik, die allerdings mit Hilfe von klinischen, Labor-, röntgenologischen und anderen Untersuchungsverfahren betrieben wird.